#Topthema Pflege

Ein Gastbeitrag von Britta Stephan

Pflegestreik – Der Wert der Pflege

Rückwärtige Ansicht auf eine Frau, die einen Rollstuhl mit einer hochaltrigen Dame schiebt

In den sozialen Medien herrscht #Pflegestreik. Begonnen hat das Ganze mit dem Streik der Pflegenden an der Berliner Charité, wofür ich den Beteiligten gar nicht genug danken kann. Wer aber jetzt gedacht hat, dass sich die Pflegenden in ganz Deutschland anstecken lassen, hat sich zu früh gefreut. Der #Pflegestreik findet derzeit leider fast nur in den sozialen Medien statt. In den Einrichtungen selbst haben viele noch nicht einmal etwas davon mitbekommen, dass in Berlin überhaupt gestreikt wurde.

Und dabei geht es der Pflege in Deutschland wirklich schlecht. Schon seit Jahren wird ein Fachkräftemangel beklagt; der prophezeite Pflegenotstand ist längst eingetroffen. Pflegekräfte bemängeln die schlechten Arbeitsbedingungen, die geringe Wertschätzung, die Überlastung, das geringe Gehalt. Und trotzdem ist es noch immer nicht zur großen Aufbruchstimmung gekommen.

Um das zu verstehen, muss man die Mentalität der Pflege kennen. Die meisten Pflegenden haben eine soziale Einstellung. Deshalb haben sie ja auch diesen Beruf gelernt. Sie wollen den Menschen helfen. In die Köpfe ist noch nicht vorgedrungen, dass die Pflege sich genau deshalb für ihren Beruf einsetzen muss. Denn unter den derzeitigen Bedingungen leiden die Pflegebedürftigen genauso wie die Pflegenden selbst.

Eine Lobby hat die Pflege zur Zeit noch nicht. Es gibt verschiedene Bestrebungen, wie zum Beispiel die Pflegekammern, die in immer mehr Bundesländern entstehen. Aber diese Kammern können auch nur ein Baustein sein.

Ein anderer wäre die Politik. Ja, stimmt. Wo ist eigentlich die Politik? Es ist immerhin ein gesamtgesellschaftliches Problem. Es geht darum, wie wir mit den Menschen umgehen, die kurzfristig oder dauerhaft nicht mehr in der Lage sind, sich selbständig zu versorgen.

Das Einzige, was man hört, ist, dass man sich der Problematik bewusst ist. Vorgeschlagene Reformen sind Augenwischerei, um der Öffentlichkeit vorzugaukeln, dass man ja der Pflege helfen würde.

Nehmen wir zum Beispiel das erste Pflegestärkungsgesetz.

Nett gedacht. Für pflegende Angehörige soll es etwas mehr Geld geben, und die Pflegestufen sollen von drei auf fünf erhöht werden. Demenzkranken soll zukünftig auch eine Pflegestufe zustehen. Das ist sicher alles gut und wichtig, vor allem für pflegende Angehörige, die in Deutschland auch immer noch den Großteil der Pflegebedürftigen versorgen.
Aber wie sieht es in den Heimen aus?
Hier wurden Gelder bereit gestellt für zusätzliche Betreuungskräfte. Klingt auch erst mal nett. Und es ist auch schön für die Bewohner, dass jetzt öfter mal jemand da ist, der ihnen aus der Zeitung vorliest, spazieren geht oder einfach mit ihnen redet. Aber ist es auch eine Entlastung für die Pflegekräfte? Leider nein. Denn pflegerische Aufgaben können und dürfen die Betreuungskräfte nicht übernehmen. Angefangen vom Essen anreichen, über Toilettengänge, Grundpflege, Lagerungen, Medikamente verabreichen etc.: All das bleibt weiterhin der Pflege überlassen mit der vorhandenen Besetzung, die immer noch viel zu knapp ist.

Frau Altpeter, ihres Zeichens SPD-Ministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren des Landes Baden-Württemberg, hatte eine andere Idee. Da in den Pflegeeinrichtungen Fachkräftemangel herrscht, sollen Sozialarbeiter, Ergotherapeuten, Logopäden die Pflege dort verstärkt unterstützen. Dafür kann dann aber auch die Fachkräftequote von mindestens 50 % auf 40 % herabgesenkt werden. Entschuldigung, Frau Altpeter, aber wie das bitte schön zu einer Entlastung der Pflegekräfte und zu einer besseren Versorgung der Bewohner führen soll, erschließt sich mir nicht.

Dann gibt es immer wieder Stimmen aus der Politik, Menschen aus anderen Ländern anzuwerben, aus Spanien, China, Portugal und zuletzt auch aus Griechenland. Auch nett gedacht, aber hier wird meiner Meinung nach der zweite Schritt vor dem ersten gemacht. Diese Pflegekräfte werden hier dann genauso verheizt wie alle anderen und wechseln früher oder später den Beruf oder werden krank.

Wie also das Ganze lösen? Als erstes stehen hier ganz klar die Pflegenden selbst in der Verantwortung. Wenn wir es mit uns machen lassen, dass wir verheizt werden, wird das nicht aufhören. Die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen stecken ihr Geld dann weiterhin lieber in andere Projekte als in die Einstellung neuer Pflegekräfte.

Geld genug ist im System vorhanden. Es muss nur anders verteilt werden. Dann ist auch eine gesetzliche geregelte Mindestpersonalbesetzung drin. Und zwar eine, die auch ihren Namen verdient.

Wenn die Pflege endlich lernt, ihre Leistung selbst Wert zu schätzen, wird auch der Politik, den Einrichtungen und der Gesellschaft nichts anderes übrigbleiben, als das zu tun.

Und dann, ja dann werden sich auch die Arbeitsbedingungen und das Gehalt verbessern.

Dafür, liebe Pflegende, müssen wir nur endlich auch mal anfangen

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